#Chip Happens-Podcast: Staffel 3, Folge 3 | Rettungsdienst digital – alles vernetzt
Große Probleme brauchen häufig ziemlich kleine Helfer. Der Podcast »Chip Happens – Kleine Dinge, die alles verändern« von Chipdesign Germany zeigt, wie Mikroelektronik und Chipdesign dabei helfen können, die drängenden Fragen unserer Zeit anzugehen – jederzeit nachvollziehbar und alltagsnah. Das Format richtet sich an alle, die verstehen wollen, wie Technik im Hintergrund wirkt und dennoch zentrale Weichen stellt. Kluge Köpfe aus der Branche sprechen hierfür mit Moderator Sven Oswald über ihre faszinierenden Geschichten, geben überraschende Einblicke und zeigen hautnah die vielen Möglichkeiten, die unser Fachbereich bietet. In der dritten Staffel »Mikroelektronik for Life« dreht sich alles um die Anwendung im Gesundheitsbereich. Von intelligenter Diagnostik über Wearables bis hin zu datengetriebener Medizin.
Staffel 3, Folge 3 | Rettungsdienst digital – alles vernetzt
In Folge 3 der dritten Staffel steht die digitale Transformation des Rettungswesens im Mittelpunkt. Angesichts steigender Einsatzzahlen, einer alternden Bevölkerung und zunehmend komplexer Versorgungsstrukturen wird deutlich, wie entscheidend eine durchgängig vernetzte Informationskette für die Notfallmedizin ist. Gemeinsam mit:
- Thomas Luiz, Mediziner und Project Manager Digital Health Care am Fraunhofer IESE,
- Jens Cordes, Leiter der Feuerwehr Bremerhaven, und
- Christian Schnepf, leitender Branddirektor der Feuerwehr München,
beleuchtet Sven Oswald, wie Digitalisierung, Interoperabilität und automatisierte Systeme helfen können, Prozesse zu beschleunigen und damit wertvolle Zeit zu gewinnen
Worum geht es in der Folge?
Thomas Luiz über digitale Prozessketten in der Notfallmedizin |
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Situation: |
Die Zahl der Rettungseinsätze in Deutschland steigt seit Jahren. Gründe sind unter anderem eine alternde Bevölkerung, zunehmende Multimorbidität sowie mehr alleinlebende ältere Menschen. Chronische Erkrankungen führen häufig zu wiederkehrenden Notfällen, die zeitkritisch versorgt werden müssen. Gleichzeitig sind Rettungsdienste und Kliniken organisatorisch und technisch komplex. |
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Problemstellung: |
Zeitverluste entstehen an vielen Stellen der Rettungskette, genauer bei der Erkennung des Notfalls, bei der Alarmierung, bei der Auswahl geeigneter Kliniken oder bei der innerklinischen Vorbereitung. Informationen werden häufig noch telefonisch übermittelt. Viele der Prozesse sind nicht durchgängig digitalisiert und Systeme unterschiedlicher Hersteller arbeiten nicht immer interoperabel zusammen. Gerade bei Krankheitsbildern wie dem Schlaganfall, bei dem pro Minute Millionen Nervenzellen zugrunde gehen können, hat jede Verzögerung unmittelbare Konsequenzen. |
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Lösungsansätze / Innovationspotenziale: |
Thomas Luiz, Mediziner und Project Manager Digital Health Care am Fraunhofer IESE, skizziert ein digital vernetztes Rettungssystem mit mehreren Komponenten. Erstens soll es automatisierte Notfallerkennung durch Wearables oder implantierte Sensoren, die beispielsweise Herzrhythmusstörungen oder kritische Blutzuckerwerte detektieren und bei Bedarf einen Notruf auslösen. Zweitens sollen Videonotrufe möglich werden, um bereits in der Leitstelle ein genaueres Lagebild zu erhalten. Drittens, erklärt Luiz, dass die Leitstellen besser vernetzt werden sollen, damit die Einsatzmittel wie Rettungshubschrauber digital disponieren können. Letztens beinhaltet das Rettungssystem der Zukunft eine digitale Voranmeldung in Kliniken, bei der medizinische Daten strukturiert übertragen werden und innerklinische Alarmketten automatisch aktiviert werden. Ziel ist eine durchgängige digitale Prozesskette vom Erstereignis bis zur Therapie. Das Potential ist riesig, ein Drittel bis zur Hälfte der bisherigen Zeit soll eingespart werden können. |
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Weiterer Forschungs-/Entwicklungsbedarf: |
Zentrale Herausforderungen liegen in der Interoperabilität technischer Systeme und in regulatorischen Rahmenbedingungen. Unterschiedliche Softwarelösungen, proprietäre Schnittstellen und föderale Strukturen erschweren eine einheitliche Digitalisierung. Standards, offene Schnittstellen und klare gesetzliche Regelungen, etwa bei automatisierten Notrufen, sind entscheidende Hebel für eine flächendeckende Umsetzung. |
Jens Cordes über den Digitalisierungsgrad deutscher Leitstellen |
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Situation: |
In Deutschland existieren rund 300 Leitstellen, die Notrufe über die 112 entgegennehmen. Sie koordinieren Feuerwehr- und Rettungseinsätze, verarbeiten E-Calls aus Fahrzeugen, Notruf-Apps sowie Anforderungen für Krankentransporte. Moderne Leitstellen verfügen über rechnergestützte Einsatzleitsysteme, GPS-Ortung und digitale Kommunikationsplattformen. |
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Problemstellung: |
Der Digitalisierungsgrad variiert stark. Föderale Strukturen ermöglichen zwar Innovationen auf regionaler Ebene, führen jedoch auch zu unterschiedlichen technischen Ausbaustufen. Zudem steigt die Zahl der Notrufe kontinuierlich, während personelle Ressourcen begrenzt sind. |
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Lösungsansätze / Innovationspotenziale |
Digitale Systeme unterstützen bereits heute bei der Lokalisierung von Notrufen, der Fahrzeugdisposition und der Datenübertragung in Einsatzfahrzeuge. Tablets in Rettungs- und Feuerwehrfahrzeugen ermöglichen Zugriff auf Einsatzpläne, Versorgungsleitungen oder Navigationsdaten. Darüber hinaus werden KI-basierte Ansätze diskutiert, um Notrufe vorzuklassifizieren oder Prozesse effizienter zu gestalten. Automatische Sprach-zu-Text-Systeme verbessern die Dokumentation und reduzieren Missverständnisse. Standardisierte Notrufabfragen erhöhen die Qualität der Ersteinschätzung. |
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Weiterer Forschungs-/Entwicklungsbedarf |
Einen einzelnen »Gamechanger« gibt es nicht. Vielmehr erfolgt die Transformation schrittweise entlang der gesamten Prozesskette. Technische Innovationen müssen organisatorisch eingebettet und kontinuierlich evaluiert werden. |
Christian Schnepf über Drohnen als digitale Vorhut im Einsatz |
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Situation: |
Bis Einsatzkräfte am Ereignisort eintreffen, vergehen wertvolle Minuten. In dieser Zeit ist das Lagebild oft unvollständig und basiert ausschließlich auf den Angaben der Anrufenden. |
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Lösungsansätze / Innovationspotenziale: |
Ein Pilotprojekt der Feuerwehr München erprobt automatisierte Drohnenflüge, die nach Alarmierung unmittelbar starten und der Einsatzstelle vorausfliegen. Die Drohnen liefern bereits während der Anfahrt hochauflösende Video- und Wärmebilder in die Leitstelle und an die Einsatzkräfte. So können Entscheidungen, wie zum Beispiel zur Positionierung von Drehleitern oder zur Einschätzung von Rauchentwicklung, früher getroffen werden. Perspektivisch werden auch weitere Anwendungen diskutiert, etwa Erkundungsflüge in Tunneln oder Industrieanlagen sowie der Einsatz von Robotik zur Unterstützung unter Atemschutzbedingungen. |
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Weiterer Forschungs-/Entwicklungsbedarf: |
Die Systeme befinden sich noch in der Entwicklungs- und Testphase. Neben technischen Fragen (Flugzeit, Reichweite, Sensorik) spielen auch rechtliche und organisatorische Aspekte eine Rolle. Ziel ist es, Drohnen und robotische Systeme nahtlos in bestehende Einsatzabläufe zu integrieren. |
Digitalisierung als Zeitgewinn
Die dritte Folge der Staffel macht deutlich: Digitalisierung im Rettungswesen bedeutet vor allem eines: Zeitgewinn. Durch vernetzte Systeme, automatisierte Prozesse und intelligente Auswertung können Informationsflüsse beschleunigt und Entscheidungswege verkürzt werden. Gerade bei zeitkritischen Erkrankungen entscheidet dies über Lebensqualität und im Extremfall über Leben und Tod.
Hier geht es zur dritten Folge der dritten Staffel – (Spotify)
In der nächsten Folge widmet sich der Podcast nun der Frage, wie Mikroelektronik und Digitalisierung den Operationssaal der Zukunft verändern können, also bleibt gespannt!