#Chip Happens-Podcast: Staffel 3, Folge 7 | Hören und Sehen dank Mikroelektronik?
Große Probleme brauchen häufig ziemlich kleine Helfer. Der Podcast »Chip Happens – Kleine Dinge, die alles verändern« von Chipdesign Germany zeigt, wie Mikroelektronik und Chipdesign dabei helfen können, die drängenden Fragen unserer Zeit anzugehen – jederzeit nachvollziehbar und alltagsnah. Das Format richtet sich an alle, die verstehen wollen, wie Technik im Hintergrund wirkt und dennoch zentrale Weichen stellt. Kluge Köpfe aus der Branche sprechen hierfür mit Moderator Sven Oswald über ihre faszinierenden Geschichten, geben überraschende Einblicke und zeigen hautnah die vielen Möglichkeiten, die unser Fachbereich bietet. In der dritten Staffel »Mikroelektronik for Life« dreht sich alles um die Anwendung im Gesundheitsbereich. Von intelligenter Diagnostik über Wearables bis hin zu datengetriebener Medizin.
Staffel 3, Folge 7 | Hören und Sehen dank Mikroelektronik?
In Folge 7 der aktuellen Staffel von »Chip Happens« geht es um smarte Sinne und die Frage, wie Mikroelektronik Menschen beim Hören und Sehen gezielt unterstützen kann. Dr. Florian Denk vom Deutschen Hörgeräte Institut spricht über moderne Hörgeräte und darüber, wie Sprache in schwierigen Hörsituationen besser verständlich werden kann. Prof. Karsten Seidel vom Fraunhofer IMS erklärt, wie Retina-Implantate und hochminiaturisierte Elektronik neue Perspektiven für visuelle Wahrnehmung eröffnen sollen.
Worum geht es in der Folge?
Hören: Dr. Florian Denk berichtet, wie Mikroelektronik Hörgeräte intelligenter und individueller machen kann |
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Situation: |
Hörgeräte sind hochkomplexe miniaturisierte Systeme. Sie bestehen im Kern aus einem oder mehreren Mikrofonen, einer Signalverarbeitung auf einem Chip und einem kleinen Lautsprecher beziehungsweise Hörer. Je nach Bauform sitzen Mikrofone und Elektronik hinter dem Ohr oder nahezu unsichtbar direkt im Gehörgang.
Bei klassischen Hinter-dem-Ohr-Geräten wird das verstärkte Signal häufig über einen Schallschlauch ins Ohr geleitet. Bei modernen Systemen sitzt der Hörer oft direkt im Ohr und ist über ein dünnes Kabel mit der übrigen Technik verbunden. Daneben gibt es Im-Ohr-Systeme, die besonders unauffällig im Gehörgang platziert werden können.
Dabei geht es nicht nur darum, Geräusche einfach lauter lauter werden zu lassen, denn Hörverlust bedeutet häufig, dass vor allem leise Töne schlechter wahrgenommen werden, während laute Töne zum Teil weiterhin hörbar bleiben. Der hörbare Dynamikbereich zwischen sehr leisen und sehr lauten Klängen wird bei Hörverlust also kleiner. Moderne Hörgeräte müssen diesen Verlust also gezielt ausgleichen. |
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Problemstellung: |
Genau darin liegt jedoch die Herausforderung: Ein Hörgerät muss Schall in verschiedene Frequenzbereiche aufteilen und diese getrennt verarbeiten. Hohe und tiefe Töne können so unabhängig voneinander analysiert und angepasst werden.
Die zentrale Aufgabe moderner Hörgeräte ist eine frequenz- und pegelabhängige Verstärkung. Das bedeutet: Je nach Tonhöhe und Lautstärke des eingehenden Signals wird unterschiedlich verstärkt. Leise Töne sollen besser hörbar werden, während laute Töne nicht unangenehm übersteuert wirken.
Dafür gibt es sehr viele Einstellmöglichkeiten, die individuell auf die jeweilige Person abgestimmt werden müssen. Gleichzeitig darf zwischen eingehendem Schall und optimierter Wiedergabe nur eine minimale Verzögerung von wenigen Millisekunden liegen, damit keine störenden Effekte entstehen.
Besonders schwierig ist die Umsetzung Alltagssituationen mit vielen gleichzeitigen Geräuschen, etwa in Restaurants, auf Veranstaltungen oder in Gesprächen mit mehreren Personen. Hier reicht eine reine Verstärkung nicht aus. Es geht darum, gezielt relevante Sprachquellen herauszufiltern und so aufzubereiten, dass das Gehirn sie möglichst gut verarbeiten kann. Neben der Hörbarkeit kann dabei auch die neuronale Verarbeitung von Schall beeinträchtigt sein. |
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Lösungsansätze / Innovationspotenziale: |
Moderne Hörgeräte arbeiten zur Lösung mit mehreren Verstärkungskanälen. In Deutschland müssen es mindestens sechs sein, hochwertige Geräte bieten oft deutlich mehr. Jeder dieser Kanäle kann individuell geregelt werden. So lässt sich das Hören sehr präzise an unterschiedliche Hörverluste anpassen.
Hinzu kommen Verfahren wie die Richtmikrofonie: Hörgeräte nutzen mehrere Mikrofone, um Schall aus einer bestimmten Richtung, meist von vorne, gezielt stärker aufzunehmen als Umgebungsgeräusche. Dadurch können Gespräche in lauter Umgebung besser verständlich werden.
Darüber hinaus kommen zunehmend statistische Verfahren und auch KI zum Einsatz. Sie helfen dabei, Sprache gegenüber Störgeräuschen besser hervorzuheben und akustische Situationen noch gezielter zu analysieren. Gerade in komplexen Hörsituationen mit mehreren Stimmen ist das ein entscheidender Fortschritt. |
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Weiterer Forschungs-/Entwicklungsbedarf: |
Künftig geht es nicht nur darum, Hörgeräte noch kleiner zu machen. Aus technischer Sicht ist Miniaturisierung allein nicht der entscheidende Fortschritt, sondern die Frage, wie gewünschte Signale noch besser und individueller für das Gehirn aufbereitet werden können.
Ein wichtiger Entwicklungsansatz ist deshalb die noch präzisere, personenspezifische Anpassung der Signalverarbeitung. Gleichzeitig wird daran geforscht, besser zu verstehen, wie die neuronale Verarbeitung von Schall unterstützt und (wieder) verbessert werden kann. Hier steht die Forschung jedoch noch relativ weit am Anfang.
Auf technischer Ebene sieht Dr. Florian Denk einen wesentlichen Engpass aktuell in der Lautsprecher- beziehungsweise Hörer-Technologie. Gerade bei sehr hohen und sehr tiefen Frequenzen stoßen heutige miniaturisierte Systeme an physikalische Grenzen. Deshalb wird auch an alternativen Ansätzen gearbeitet, die nicht mehr den Schall selbst verstärken, sondern beispielsweise das Trommelfell direkt in Schwingung versetzen könnrn.
Ein besonders innovativer Ansatz aus der Forschung: mit Hilfe einer spezielle Membran auf dem Trommelfell sollen durch Laserimpulse Reize ausgelöst werden und so Bewegung ausgelöst werden, dass die Funktion von Schallwellen direkt übernommen wird. Dieser Ansatz befindet sich derzeit noch im Grundlagenstadium, zeigt aber, wie radikal Hörsysteme künftig neu gedacht werden könnten. |
Sehen: Prof. Karsten Seidel zeigt, wie Retina-Implantate neue Seheindrücke ermöglichen könnten |
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Situation: |
Bei bestimmten Formen der Erblindung funktionieren die lichtempfindlichen Sinneszellen der Netzhaut, also die dort befindlichen Stäbchen und Zapfen, nicht mehr.
Die nachgeschalteten Nervenzellen können Signale jedoch teilweise weiterhin verarbeiten und an das Gehirn weiterleiten. Genau hier setzen Retina-Implantate an. |
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Problemstellung: |
Die zentrale Herausforderung besteht darin, diese verbliebenen Zellen so gezielt elektrisch zu stimulieren, dass wieder nutzbare Seheindrücke entstehen. Dafür braucht es extrem miniaturisierte, flexible und biokompatible Systeme, die direkt in oder an der Netzhaut arbeiten können.
Solche Implantate müssen auf sehr kleinem Raum viele Anforderungen gleichzeitig erfüllen: Sie brauchen Elektroden, Stimulationselektronik, Energieversorgung, Signalverarbeitung und eine stabile Integration im Körper. Gleichzeitig ist das biologische System hochkomplex, weil unterschiedliche Zelltypen auf unterschiedliche Reize reagieren.
Die Herausforderung ist also nicht allein medizinischer Natur. Sie ist auch eine Frage von Produktion, Standardisierung und Skalierung. Anders gesagt: Eine Therapie kann noch so wirksam sein, wenn sie sich nur mit enormem Aufwand herstellen lässt, wird sie niemals in der Breite ankommen. |
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Lösungsansätze / Innovationspotenziale: |
Prof. Karsten Seidel arbeitet an Retina-Implantaten, die aus flexiblen Elektroden-Arrays bestehen und möglichst nah an die relevanten Zellen der Netzhaut gebracht werden müssen. Dabei kommen sehr dünne Materialien, spezielle Elektrodenoberflächen und weiterentwickelte Elektrodenstrukturen zum Einsatz, um eine möglichst gezielte Stimulation zu ermöglichen.
In das Implantat selbst müssen außerdem Chips und Elektronik integriert werden, die die Ansteuerung der Elektroden übernehmen. Je nach Ansatz können die visuellen Informationen in der Umsetzung beispielsweise von einer externen Kamera, etwa an einer Brille, aufgenommen, verarbeitet und an das Implantat übertragen werden, oder ein implantiertes Photodioden-Array reagiert direkt auf einfallendes Licht.
Auch hier wird Mikroelektronik zunehmend mit intelligenter Signalverarbeitung kombiniert. Lokale, besonders energieeffiziente KI direkt im Implantat oder implantatnahen System kann helfen, visuelle Informationen effizient zu erfassen und passende Stimulationsmuster zu erzeugen, damit die Implantate in Zukunft gezielter und leistungsfähiger arbeiten. |
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Weiterer Forschungs-/Entwicklungsbedarf: |
Aktuell stehen für Prof. Seidel und sein Team vor allem zwei große Entwicklungsfragen im Mittelpunkt.
Erstens geht es um die Langzeitstabilität und die räumliche Auflösung der Implantate. Die Systeme müssen über viele Jahre zuverlässig im Körper funktionieren. Dafür wird an besseren Verkapslungstechnologien gearbeitet. Gleichzeitig soll die Zahl und Anordnung der Elektroden weiter verbessert werden, um differenziertere Seheindrücke zu ermöglichen.
Zweitens ist die biologische Ansteuerung der Zellen eine große Herausforderung. Unterschiedliche Zellen reagieren auf unterschiedliche Muster, etwa auf hell, dunkel oder auf Helligkeitswechsel. Das Ziel ist deshalb nicht einfach, möglichst viele Elektroden zu verbauen, sondern jede relevante Zellgruppe so präzise wie möglich individuell anzusprechen. Neue Stimulationsmuster sollen genau das verbessern.
Der aktuelle Stand zeigt: Bisher lassen sich vor allem Umrisse, Kontraste, Schattierungen und einfache Formen wahrnehmen. Das klingt zunächst begrenzt, kann für vollständig blinde Menschen im Alltag aber bereits einen enormen Unterschied machen, etwa bei Orientierung, Bewegung im Raum oder beim Erkennen großer Anzeigen.
Langfristig geht es darum, robustere, intelligentere und langlebigere Systeme zu entwickeln, die über viele Jahre im Körper verbleiben können. Auch Energieversorgung, Datenübertragung und Wärmeentwicklung werden dabei künftig noch wichtiger, insbesondere wenn die Implantate leistungsfähiger und intelligenter werden sollen. Kommerziell breit verfügbare Retina-Implantate gibt es derzeit noch nicht. Umso wichtiger ist die Grundlagenarbeit, an der nun weiter geforscht wird. |
Hier geht es zur siebten Folge der dritten Staffel – (Spotify)
In der nächsten Episode des Podcasts geht es um Prothesen und Muskeln.