12.02.2026 News Interviews

German Chips Competence Centre (G3C) | Über die nationale Schnittstelle zum europäischen Halbleiter-Ökosystem

©Adobe Stock | Vitte Yevhen

Im Interview: Alexander Stanitzki aus der FMD-Geschäftsstelle

Europa steht vor der Herausforderung, in der Mikroelektronik, besonders in der Halbleiterentwicklung, technologisch resilienter und wettbewerbsfähiger zu werden. Um Engpässe in wichtigen Lieferketten auszugleichen, geopolitische Risiken abzufedern und mit Initiativen in den USA und China Schritt zu halten, hat die Europäische Union 2023 den EU Chips Act ins Leben gerufen. Im Rahmen dieses Programms wird nun auch das German Chips Competence Centre (G3C) etabliert. Als nationale Anlaufstelle für Innovatoren der Halbleitertechnologie vernetzt es Akteure und vermittelt gezielt Zugang zur europäischen Pilotlinieninfrastruktur. Projektleiter Alexander Stanitzki erklärt im Interview, wie das G3C als unabhängiger Koordinator arbeitet, wie die Zusammenarbeit im Netzwerk der Chip Competence Centres koordiniert und so die europäische Halbleiterstrategie unterstützt wird.

Herr Stanitzki, Sie leiten das German Chips Competence Centre. Bevor wir auf Details eingehen: Was genau ist das G3C und welche Aufgabe übernimmt es?

Das German Chips Competence Centre, kurz G3C, ist ein im Rahmen des EU Chips Acts verankertes Projekt. Es fungiert als erste nationale Anlaufstelle für alle, die im Bereich Chip- und Halbleitertechnologien neue Entwicklungen anstoßen oder umsetzen möchten. Ziel ist es, Innovationsvorhaben frühzeitig strukturiert zu begleiten und sie effizient in tragfähige Anwendungen zu überführen. Dafür bieten wir kostenlose Beratung und Matchmaking für Unternehmen, Start-ups, Forschungseinrichtungen sowie Einzelpersonen an, um Vorhaben zunächst auf ihre technische und wirtschaftliche Umsetzbarkeit zu prüfen und anschließend gezielt an geeignete Entwicklungs- und Implementierungspartner sowie an passende europäische Infrastrukturen zu vermitteln. Inhaltlich liegt unser Fokus auf Chipdesign, Prozessentwicklung und Integration, insbesondere auf der Heterointegration unterschiedlicher Technologien in einem Bauteil. Langfristig leisten wir mit dem G3C so einen Beitrag zur Stärkung der Innovationsfähigkeit und zur technologischen Souveränität Europas im Halbleiterbereich. Umgesetzt wird das G3C von der Forschungsfabrik Mikroelektronik Deutschland (FMD).

Sie sagten, das Projekt ist im Rahmen des EU Chips Acts verankert. Wie genau fügt sich das G3C in diese Struktur ein?

Der EU Chips Act verfolgt das Ziel, die europäische Halbleiterindustrie langfristig zu stärken. Dafür wurden drei Säulen definiert, wobei die erste Säule den Aufbau und die Förderung des europäischen Halbleiterökosystems adressiert – insbesondere durch Investitionen in Forschung, Entwicklung und Infrastruktur. Ein zentrales Element dieser Säule sind die europäischen Pilotlinien, die die technologische Infrastruktur bereitstellen. Parallel dazu wurde mit dem European Network of Chips Competence Centres (ENCCC) ein Netzwerk aus derzeit 30 Competence Centres in 28 Staaten aufgebaut. Diese sollen den Transfer von Ideen in konkrete Umsetzungen unterstützen. Da die einzelnen Centres in sehr unterschiedlichen nationalen Kontexten agieren, wurde zusätzlich das Projekt aCCCess initiiert. Es bildet den übergeordneten Rahmen für alle Competence Centres und sorgt für einheitliche Arbeitsweisen, Standards und eine abgestimmte Außendarstellung.

Warum gibt es in Europa deutlich mehr Chip Competence Centres als Pilotlinien, und wie ergänzen sich diese Strukturen?

Die europäischen Pilotlinien stellen thematisch fokussierte Infrastrukturinvestitionen dar. Jede adressiert einen spezifischen technologischen Schwerpunkt, etwa Heterointegration, Leistungselektronik oder Photonik. Es wäre weder sinnvoll noch notwendig, diese Infrastruktur in jedem Mitgliedstaat aufzubauen.

Gleichzeitig gibt es aber in allen europäischen Ländern potenzielle Nutzer:innen dieser Pilotlinien. Genau hier kommen die Chip Competence Centres ins Spiel. Sie fungieren als nationale Einstiegspunkte in das europäische Halbleiter-Ökosystem, beraten in der jeweiligen Landessprache, bewerten Bedarfe und vermitteln gezielt an die passenden Pilotlinien oder Partner. Die enge Vernetzung der Centres sorgt dafür, dass europaweit Transparenz über verfügbare Kompetenzen und Infrastrukturen besteht.

Wie ist das G3C in Bezug auf die europäischen Pilotlinien und insbesondere auf die deutsche APECS-Pilotlinie positioniert?

Aktuell existieren fünf europäische Pilotlinien: APECS, FAMES, NanoIC, PIXEurope und WBG. Die Competence Centres sind nicht Teil dieser Pilotlinien, sondern bewusst unabhängig aufgestellt. Unsere Aufgabe im G3C besteht entsprechend darin, als neutraler Informations- und Vermittlungspartner innerhalb des europäischen Halbleiter-Ökosystems zu agieren und Anfragen jeweils an die fachlich am besten geeignete Pilotlinie oder an andere passende Partner weiterzuleiten.

Natürlich besteht für uns hinsichtlich der APECS-Pilotlinie eine besondere fachliche Nähe, da sowohl APECS als auch das G3C von der Forschungsfabrik Mikroelektronik Deutschland (FMD) umgesetzt werden. Diese gemeinsame institutionelle Verankerung ermöglicht kurze Abstimmungswege und einen sehr guten Überblick über die Leistungsangebote und Zugangsmöglichkeiten von APECS. Sie ändert jedoch nichts an unserem Grundprinzip der Neutralität. Im G3C bevorzugen wir keine Pilotlinie, sondern empfehlen stets die Infrastruktur, die für das jeweilige Vorhaben technisch und strategisch am sinnvollsten ist. Das bedeutet auch, dass wir eng mit den anderen Chip Competence Centres in Europa in Kontakt sind, um sicherzustellen, dass Anfragen fundiert bewertet und konkrete Umsetzbarkeitsaussagen getroffen werden können.

Viele andere europäische Competence Centres werden von Konsortien getragen. Warum setzt Deutschland das G3C allein um?

Das hängt stark mit der Struktur des deutschen Mikroelektronik-Ökosystems zusammen. Mit der FMD gibt es bereits eine etablierte, institutsübergreifende Organisation, die Kompetenzen aus Fraunhofer- und Leibniz-Instituten bündelt und einen sehr breiten Überblick über Forschung, Infrastruktur und Expertise im Bereich Mikro- und Nanoelektronik hat. Diese Struktur erlaubt es, das G3C zentral aufzusetzen, ohne ein Konsortium bilden zu müssen. Gleichzeitig greifen wir im Hintergrund auf ein großes Netzwerk an Expertinnen und Experten zurück. Das macht uns handlungsfähig und schnell.

Wo liegen die inhaltlichen Schwerpunkte des G3C – und welche Zielgruppen sprechen Sie damit insbesondere an?

Inhaltlich konzentriert sich das G3C auf die drei schon angesprochenen und sehr zentralen Themenfelder entlang der Halbleiterwertschöpfungskette: Chipdesign, Halbleiterprozessentwicklung und Integration, insbesondere die Heterointegration unterschiedlicher Technologien in ein Bauteil und dazu notwendige Advanced-Packaging-Ansätze. Diese Schwerpunkte spiegeln sowohl aktuelle technologische Herausforderungen als auch die Ausrichtung der europäischen Pilotlinien wider.

Auf dieser Basis begleiten wir sehr unterschiedliche Anwendungsfälle. Von klassischen CMOS-Designs über Mixed-Signal-, Hochfrequenz- und Photonik-Anwendungen bis hin zu systemorientierten Ansätzen wie System-on-Chip oder FPGA-basierten Lösungen. In der Prozessentwicklung reicht das Spektrum von 6- bis 12-Zoll-Wafern für verschiedene industrielle und forschungsnahe Einsatzfelder.

Mit dem G3C sprechen wir grundsätzlich alle an, die sich mit Chip- und Halbleitertechnologien beschäftigen oder überlegen, diese in ihren Anwendungen einzusetzen. Einen besonderen Fokus legen wir jedoch auf Start-ups sowie kleine und mittlere Unternehmen (KMU). Start-ups benötigen häufig Orientierung und Zugang zu Infrastruktur und Partnern, während KMU oft über konkrete Innovationsvorhaben verfügen, jedoch nicht immer über eigene Halbleiter- oder Designexpertise. In beiden Fällen unterstützen wir dabei, Bedarfe einzuordnen und die passenden technologischen und strukturellen Anknüpfungspunkte im europäischen Ökosystem zu identifizieren.

Wie ist die Arbeitsstruktur hinter dem G3C organisiert?

Für jede Anfrage gibt es eine feste Ansprechperson im G3C-Team, die den gesamten Prozess begleitet. Diese Person bleibt durchgehend die zentrale Kontaktstelle für Interessierte und koordiniert alle weiteren Schritte, unabhängig davon, aus welchen Einrichtungen die benötigten Informationen oder Beiträge stammen. Im Hintergrund stützt sich das G3C auf ein Expertenteam aus den beteiligten Instituten. In jedem Institut ist eine fachlich verantwortliche Person benannt, in der Regel auf Leitungsebene, die einen umfassenden Überblick über die jeweiligen Kompetenzen und verfügbaren Infrastrukturen hat. Dieses Netzwerk ermöglicht es, gezielt Expertise einzubinden, ohne die Betreuung für die Anfragenden unnötig zu fragmentieren.

Der Arbeitsablauf ist dabei klar strukturiert: Das G3C-Team nimmt Anfragen entgegen, führt Erstgespräche und klärt grundlegende technische Fragestellungen. Bei vertiefenden oder sehr spezifischen Themen werden die Anfragen gezielt an das Expertenteam weitergegeben, das entsprechende Einschätzungen, Recherchen oder fachliche Rückmeldungen liefert.

Das Angebot des G3C ist kostenlos. Wie wird die Arbeit des Competence Centres finanziert?

Das G3C verfügt für die Laufzeit von vier Jahren über ein Gesamtbudget von rund 7,9 Millionen Euro. Finanziert wird es durch das European Chips Joint Undertaking, kurz Chips JU, und durch das Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR).
Ein kleiner Teil der Mittel fließt in den Aufbau von Schulungs- und Weiterbildungsangeboten. Der weitaus größere Anteil ist jedoch für unsere Kernaufgabe »Beratung« vorgesehen.

Wo sehen Sie aktuell die größten Herausforderungen?

Im Moment befindet sich unser Team noch im Aufbau, und das macht sich natürlich im Alltag bemerkbar. Es ist nicht immer einfach, zu allen Klient:innen den gleichen intensiven Kontakt zu halten und gleichzeitig eine Vielzahl von Veranstaltungen und Projekten zu begleiten. Da spürt man die begrenzten Ressourcen durchaus. Gleichzeitig liegt hier auch eine Stärke unseres Ansatzes: Wir sind kein großes Konsortium, sondern ein vergleichsweise kleines Team. Das erlaubt es uns, flexibel zu bleiben, schnell zu reagieren und gemeinsam mit dem europäischen Netzwerk Strukturen aktiv mitzugestalten.

Eine weitere Herausforderung ist, dass auch viele andere Competence Centres und Pilotlinien noch in der Aufbauphase sind. Häufig lassen sich Fragen zu konkreten Leistungsangeboten noch nicht abschließend beantworten, weil Strukturen und Zuständigkeiten noch entstehen.

Abschließend noch eine Frage: Was macht das Konzept der Chip Competence Centres aus Ihrer Sicht weltweit einzigartig?

Das Besondere an den Chip Competence Centres ist die Kombination aus lokaler Nähe und europäischer Vernetzung. Jedes Centre ist tief im jeweiligen nationalen Ökosystem verankert, arbeitet aber gleichzeitig eng mit den anderen europäischen Zentren zusammen. Diese Struktur erlaubt es, Anfragen zunächst lokal effizient zu bearbeiten und sie bei Bedarf sehr schnell an passende Partner oder Pilotlinien in ganz Europa weiterzuleiten. Hinzu kommt die enge Verzahnung mit bestehenden Forschungs- und Technologieeinrichtungen, mit den europäischen Pilotlinien sowie mit Förderinstrumenten wie der EuroCDP. Die Centres vermitteln nicht nur Infrastruktur und Expertise, sondern unterstützen auch ganz konkret bei der Finanzierung und Umsetzung von Projekten im europäischen Kontext.

 

Ein weiterer wichtiger Punkt ist, dass unsere Beratungs- und Vermittlungsleistungen für die Nutzerinnen und Nutzer kostenfrei sind. Sie werden vollständig aus öffentlichen Mitteln finanziert. Dadurch können auch sehr frühe oder ungewöhnliche Ideen zunächst einmal ohne wirtschaftlichen Druck geprüft werden. Diese Kombination ist aus meiner Sicht weltweit einzigartig.

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